Abgehängt

Deutsch-deutsche Klassengesellschaft?

Donnerstag, 30.06., 20 Uhr
Hörsaal 7 WiWi

Auch zwanzig Jahre nach der staatsrechtlichen Herstellung der deutschen Einheit sind die Verhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschen gesellschaftspolitisch brisant. Das wird nicht nur an den massenmedial skandalisierten Problemen einer deutlich geringen Wirtschaftskraft Ostdeutschlands und den anhaltenden Finanztransfers von West nach Ost, den Wahlerfolgen der Partei “Die Linke” oder der starken Präsenz und Gewaltbereitschaft rechtsextremistischer Gruppierungen in den neuen Ländern erkennbar. Auch das Syndrom eines ”Bürgers zweiter Klasse”, die anhaltend hohe soziale Identifikation mit Ostdeutschland sowie die geringe Präsenz Ostdeutscher in den bundesdeutschen Eliten untersetzen die These einer deutlichen sozialen Ungleicheit zwischen Ost- und Westdeutschen.

Der Vortrag will zum einen sozialwissenschaftlich erkunden, wie sich die sozialer Ungleichheit zwischen Ost und West in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt hat. Welche Phänomene und Felder waren und sind die entscheidenden – für die Gegenwart und die Zukunft des Vereinigungsprozesses? Sind es sozialstrukturelle Ungleichheiten, ökonomische Disparitäten oder kulturelle Traditionen? Wie verhalten sich diese Ungleichheiten zu anderen regionalen Unterschieden in Deutschland (etwa zwischen Nord und Süd oder Stadt und Land)? Auf dieser Grundlage soll zweitens problematisiert werden, wie sich das deutsch-deutsche Verhältnis angemessen begreifen lässt? Ist es eine schlichte Frage langfristigen Aufholens, einer “nachholenden Modernisierung” des Ostens, muss Ostdeutschland als “kapitalistische Peripherie” verstanden werden? Sind die Ostdeutschen “Außenseiter” gegenüber den westdeutschen “Etablierten”? Oder handelt es sich um eine Art deutsch-deutsches “Klassenverhältnis”? Offenkundig haben die jeweiligen Begriffsweisen Folgen für die Frage, wie die Ungleichheiten zu bewerten sind, ob und wie die Ungleichheiten soziopolitisch beachtet und bearbeitet werden können und, wie lange die Ungleichheiten fortbestehen.

In einem abschließenden Teil des Vortrages wird danach gefragt, wie sich die deutsch-deutschen Ungleichheiten zu anderen sozialen Spaltungen und Problemen in Deutschland und Europa verhalten? Lässt sich aus der Dynamik anderer Ungleichheitsdimensionen (wie Arme vs. Reiche, Männer vs. Frauen, Inländer vs. Ausländer) etwas für das deutsch-deutsche Verhältnis lernen und umgekehrt: hilft die Analyse der Vereinigungsprobleme in der Untersuchungen und Bewertung jener Ungleichheiten?

Publikationen zum Themenkreis:


Keine Chance für Bart Simpson?

Dienstag, 28.06., 20 Uhr
Hörsaal 7 WiWi

Kindheitsmuster unterscheiden sich stark voneinander: In Abhängigkeit davon, welchem sozialen Milieu die Eltern angehören, wachsen Kinder in einem bildungsfreundlichen Klima auf oder werden in einem eher bildungsfernen Milieu sozialisiert. Im zweiten Fall haben sie von Beginn an schlechtere Startchancen. Barrieren im deutschen Bildungswesen erschweren es ihnen zusätzlich, den Rückstand aufzuholen. Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler sprechen daher von „Benachteiligungsstrukturen“.

Kindheit ist auch durch eine sozialräumliche Differenzierung sowie eine mehr oder minder vorhandene Ausstattung mit „kulturellem Kapital“ (Bourdieu) charakterisiert: Kinder, die in einem Umfeld groß werden, in dem Bildung und Kultur etwas Selbstverständliches darstellen, weisen in der Regel eine höhere Lernbereitschaft auf als Kinder, deren Eltern solche Rahmenbedingungen nicht schaffen können. Je nachdem, in welches soziale Milieu ein Kind hineingeboren wird, genießt es also von Geburt an Privilegien oder erleidet Benachteiligungen: Lebenschancen werden „sozial vererbt“. Die Chancen, zum Abitur oder Hochschulabschluss zu gelangen, hängen heute sogar wieder stärker als in der Vergangenheit von der sozialen Herkunft ab.
In Deutschland wird zu wenig dafür getan, die Benachteiligungen von Kindern auszugleichen, denen keine behütete und geförderte Kindheit zuteil wird. Es gilt, jene Familien zu unterstützen, die nicht in der Lage sind, die gesellschaftlichen Normen der „guten Kindheit“ zu erfüllen. Wo weder die finanziellen Mittel noch der kulturelle Unterbau vorhanden sind, reicht der gute Wille, den eigenen Kindern einen guten Platz im Wettbewerb um die besten Chancen zu verschaffen, in der Regel nicht aus (vgl. APuZ 17/2009).

Prof. Dr. Guido Pollak und Tobias Waldmann M.A. werden im Zuge ihres Vortrages „Keine Chance für Bart Simpson? Zur sozialen Ungleichheit im Bildungssystem“ unter Rückgriff auf die Bourdieusche Kapitalarten- bzw. Habitustheorie sowie auf neuere und neueste empirische Befunde (PISA-Studien usw.) die oben genannten „Benachteiligungsstrukturen“ (familiale/schulische) nachzeichnen.


Gesine Lötzsch eröffnet unsere Veranstaltungsreihe

Donnerstag, 09.06., 20 Uhr
Hörsaal 9 Audimax

Am Donnerstag Abend fiel der Startschuss zu unserer Veranstaltungsreihe “Abgehängt – Soziale Aufstiegschancen in Deutschland”. Unter der Moderation unseres Mitglieds Tupac Orellana lieferten sich Gesine Lötzsch und Hendrik Hansen ein spannendes Rededuell. Anschließend stellten sich beide den Fragen des Publikums.

Unser Dank geht an Dr. Lötzsch und Dr. Hansen für die interessante Diskussion als auch an alle Zuhörerinnen und Zuhörer für die rege Beteiligung.

Das Video der Diskussion (ohne Fragen aus dem Publikum)